Dienstag, 27. März 2018

Zerstörung in gutem Glauben - ländliche Kirchen in Südserbien

An einem trüben Nachmittag im Juli 2014 war ein Team des RGZM im Rahmen des Forschungsprojektes mit serbischen Kollegen unterwegs, die Siedlungslandschaft in Spätantike und Frühmittelalter im das Umland der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad/ Iustiniana Prima zu erkunden. Als kleinen Abstecher führten uns die serbischen Kollegen zu der kleinen Kirche Sv. Pantelejmon in Gazdare. Sie ist in keinem Reiseführer verzeichnet, sie ist unscheinbar und doch ein Bau, der die Geschichte der Region in einzigartiger Weise spiegelt - spiegelte sollte man heute sagen, denn an Weihnachten 2017/18 wurde der Bau abgerissen. Auch damit spiegelt er Geschichte, denn der Abbruch hängt auch mit der aktuellen politischen Situation rund um den nahen Kosovo zusammen.

Gazdare, Sv. Pantelejmon im Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

 

Gelebter Glaube


Als wir uns an jenem Nachmittag 2014 der Kirche nähern, lag unser eigentliches Ziel etwas weiter talaufwärts in Lece, wo es Nachrichten über römischen Bergbau gibt (die wir in zwei Kampagnen 2016 und 2017 mit Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum verifizieren konnten - siehe Archaeologik). Die serbischen Kollegen empfehlen jedoch einen Zwischenstop und führen uns zu einem niedrigen aus Bruchsteinen gemauerten Bau nur wenige Meter neben der Straße. Was wir zunächst für einen Schuppen halten, erweist sich als eben jene Kirche Sv. Pantelejmon.

Gazdare, Sv. Pantelejmon
Zwei Jahre nach der ersten Besichtigung
(Foto: RGZM, November 2016)
Die Tür ist aus den Angeln gebrochen. Sie liegt links neben dem Eingang, die Farbe abgeplatzt und verwittert. Beim Betreten der Kirche wird der Schritt unsicher. Drinnen ist es dunkel und es geht über eine Schwelle ein, zwei ausgetretene und schiefe Stufen nach unten. Die Augen gewöhnen sich rasch an das Dämmerlicht, denn es ist keine völlige Dunkelheit. Da brennen zwei Kerzen auf einem Ständer neben dem Altar und etwas Sonnenlicht dringt durch den nur mit Hölzern verkleideten Giebel über der Tür. Details werden erkennbar. Nur im rückwärtigen Bereich ist der Boden mit Backsteinen belegt, nach links ist er abgesackt. Vorne, dort, wo wir nun stehen, gibt es nur einen unebenen Lehmboden. Vor dem mit einer weißen Tischdecke geschmückten Altar deutet ein Querbalken eine Abtrennung des Altarraumes an. Am Balken hängen vier Ikonen, daneben Tisch- und Handtücher. Auch sonst ist der Raum voll mit Gegenständen: Weitere Tücher und Taschen sind in kleine Nischen links und rechts der Apsis gestopft. Auf dem Altar frische Blumen, aber auch kleine Heiligenbilder, Münzen, Geldscheine und ein altes Plastik-Colafläschchen mit Rakija, auf dem Boden eine Flasche mit Öl. An der Seite steht eine grob zusammen gezimmerte Bank, und mitten im Raum liegen einige, offenbar auch als Sitzgelegenheit genutzte Steinblöcke. Besen und Putzeimer stehen direkt neben der Tür. Dieser Raum wird genutzt, er steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu den sauberen, aufgeräumten, fast schon sterilen Kirchenräumen, wie man das aus Deutschland vielleicht gewohnt ist. Hier sieht man Spuren lebendigen Glaubens.

Gazdare, Sv. Pantelejmon, der Kircheninnenraum im Mai 2017
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Gazdare, Sv. Pantelejmon, byzantinisches Kapitell als Altar,
Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Ein genauerer Blick zeigt, dass der Altar aus einem antiken byzantinischen Kapitell besteht, in der linken Wand ist ein Grabstein mit einer kyrillischen Inschrift verbaut. Die Kirche, ein einfacher Rechtecksaal mit halbrunder, außen unkenntlich rechteckig abgemauerter Apsis, ist aus zahlreichen Bruchsteinen und Spolien trocken aufgemauert. Die unregelmäßige Bauweise macht es schwer, einzelne Bauphasen zu differenzieren, doch zeigt sich im unteren Teil der Wand ein Mauerwerk aus größeren Steinen als an ihrem oberen Abschluß. Beim untersten Teil des Mauerwerks, der sich besonders unregelmäßig darstellt, handelt es sich um den Fundamentbereich. Einst war das Gelände um die Kirche herum etwa 0,4m höher, so dass der Bau noch flacher wirkte und deutlich in den umgebenden Boden eingetieft war.
Nach Aussagen von Anwohnern ist der Bau nicht besonders alt, sondern erst nach dem 2. Weltkrieg gebaut worden. Dass dies nur ein Teil der Geschichte ist, wird mit Blick auf die Spolien deutlich. Der Kirchenbau geht viel mehr auf das Mittelalter zurück, was durch archäologische Ausgrabungen in den 1980er Jahren und erneut 2002 deutlich wurde. Bei letzteren Grabungen - auf die die Geländeabsenkung im Außenbereich zurückgeht -  wurden in der direkten Umgebung der Kirche 81 Gräber lokalisiert. Eine Münze des adligen Münzherrn Jakov (c.1380-c.1395) bestätigt eine ältere Bauphase des 14. Jahrhunderts. Bei der genannten Inschrift, die in der Kirche sekundär vermauert wurde, handelt es sich pikanterweise gerade um die Bauinschrift des mittelalterlichen Vorgängerbaus (wenn man nicht unwahrscheinlicherweise eine Verschleppung von einer anderen Kirche annehmen möchte). Die bereits 1988 publizierte und in der Kirche ehedem sichtbare Inschrift aus der zweiten Hälfte des 15. oder dem Anfang des 16. Jahrhunderts nennt den Priester Luka, Bruder des Radivoj Ratkov, die die Kirche erbaut oder renoviert haben.

Gazdare, Sv. Pantelejmon, Inschrift des 15. Jh. als Spolie in der Nordwand,
Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Der bestehende Bau ist nach Literaturlage im späten 19. Jahrhundert entstanden (Ercegović-Pavlović/ Kostić 1988), baute wahrscheinlich, wie viele andere Kirchen der Region auf älteren Fundamenten auf. Bei den Grabungen der 1980er Jahre wurde südwestlich außerhalb der Kirche eine Mauerecke dokumentiert. Luftbilder einer von uns veranlassten Drohnenbefliegung zeigen nach dem Abbruch der Kirche östlich von ihr einen Mauerzug (?), zeigen aber keine Reste dieser Mauerecke. Noch ist die Grabungsdokumentation von 2002 nicht gesichtet, um abzuklären, ob auch damals neben den Bestattungen noch weitere Baureste zu tage kamen.
Der abgesenkte Fußboden der Kirche dürfte charakteristisch sein für Kirchenbauten aus osmanischer Zeit. Bau und Unterhalt nicht-islamischer Sakralgebäude waren unter osmanischem Recht zwar untersagt und die öffentliche Religionsausübung eingeschränkt, eine diskrete Religionsausübung im Privaten wurde aber durchaus toleriert. Kirchen aus dieser Zeit geben sich nur schwer zu erkennen und möglicherweise liegt hier auch die Begründung für die häufigen in den Boden eingetieften, niedrigen Kirchenbauten.

Der Besuch dieser Kirche hat tiefen Eindruck gemacht - wegen der so alltäglich-selbstverständlichen Religionsausübung wie auch der zahlreichen historischen Befunde in dem unscheinbaren Bau. Er hat uns die Bedeutung dieser kleinen unscheinbaren Kirchen für unsere Forschungsfragen nach der Siedlungsgeschichte von der Antike bis in die Neuzeit hinein vor Augen geführt.

Eine Demonstration der Stärke des christlichen Glaubens


Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
(Foto: RGZM)
Am serbischen Weihnachtsfest im Januar 2018 wurde die Kirche in Gazdare abgerissen. Dahinter steht ein Sohn der Gemeinde, der als Architekt in Wien Karriere gemacht hat und nun in seiner Heimat einen neuen Kirchenbau stiftet. Unterstützung erhält er von der Gemeinde und vom Bürgermeister der zuständigen Kommunalverwaltung in Medveđa, der erklärt, dass es darum gehe, den Albanern (= die Muslime im benachbarten Kosovo) die Stärke des eigenen christlichen Glaubens zu zeigen. 
Vermutlich ist das allerdings nicht das wesentliche Motiv, denn prinzipiell hätte eine renovierte alte Kirche ja weit mehr politische Symbolkraft, zumal serbische Politiker ja ihrerseits die Zerstörung von historischen Kirchen im Kosovo brandmarken.  In der Wahrnehmung der Bevölkerung geht es wohl eher um Selbstdarstellung des Stifters und um das Prestige der Gemeinde, das sich an einem Neubau misst. Das war wahrscheinlich in der Vergangenheit nicht anders, wie nicht zuletzt ja auch die Bauinschrift aus dem 15. Jahrhundert aus Gazdare bezeugt. Für die Gemeindemitglieder handelt es sich ja auch nicht um eine Zerstörung, sondern um eine Verschönerung und Vergrößerung. Letztlich fehlt es an einem Verständnis des historischen Werts der Bauten und an Sensibilität bei der Restaurierung.

Der örtliche Priester war vom Abbruch zunächst gar nicht informiert, konnte aber einen ersten Abbruchversuch im Frühjahr 2017 noch durch persönliches Einschreiten vor dem Bagger verhindern. Er nahm auch Kontakt zu den Kollegen des Archäologischen Instituts in Belgrad auf, die in der Region im Umfeld von Caričin Grad seit Jahren aktiv sind. Damit wurde dann auch die zuständige Denkmalpflege informiert, die den bestehenden Bau allerdings unter Verweis auf die Auskunft der Anwohner und wegen der architektonisch wenig elaborierten Bausubstanz ebenfalls nicht als schützenswertes Monument einschätzte und ihn letztlich unter der Auflage der Separierung der Spolien und einer nachfolgenden ergänzenden Grabung zum Abbruch frei gab.

Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
(Foto: RGZM)


Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
Der ehemalige Altar aus Kapitell und Säulentrommel,
dahinter in den Trümmern die mittelalterliche Bauinschrift.
(Foto: RGZM)
Inzwischen ist die Kirche zerstört, die Spolien liegen auf der Baustelle, darunter auch weitere Reliefs, die im stehenden Bau nicht sichtbar waren. Wir wissen derzeit nicht, ob ihre Position beim Abbruch dokumentiert worden ist. Archäologische Arbeiten sollen allerdings noch durchgeführt werden. Ob nach dem Maschineneinsatz noch ungestörte Befunde übrig sind, scheint fraglich; Fragen zur Baugeschichte können nicht mehr geklärt werden.

Zwischen Verehrung und Verfall

An fast allen kleinen Kirchen der Region finden sich Spuren aktiver Religionspraxis. Auf Mauervorsprüngen, vor allem aber auf dem Altar oder in der Apsis werden Münzen und Kerzen geopfert, finden sich Ikonen, mehr oder weniger frische Blumen, aber auch Keramikgefäße und gebrauchte Flaschen mit Rakija. Bisweilen werden dafür extra kleine Schreine aufgestellt.

Münzopfer  in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
(Foto: R. Schreg/RGZM 2016)
Die Kirchen, so verfallen sie auch sein mögen, sind aktiv in das religiöse Leben des Volksglaubens eingebunden. Im Falle einer Kirche bei Svinjarica haben die Dorfbewohner in den 1930er Jahren eine byzantinische Kirche freigelegt, an der nun ein kleiner Opferschrein steht. Auch in anderen Fällen scheinen die Kirchen schon lange verfallen und eine Kultkontinuität über die Zeiten hinweg ist oft auch fraglich.

Svinjarica. Am Nordrand des Dorfes befindet sich eine in den 1930er Jahren von den Dorfbewohnern freigelegte byzantinische Basilika, an der ein kleiner Schrein errichtet wurde.
(Foto: R. Schreg/RGZM 2014)


Radinovac, kleiner Schrein in den Ruinen einer Basilika. Im Hintergrund ist die Apsis zu erkennen.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Tatsächlich haben viele Kirchen dringenden Renovierungsbedarf. So ist in den vergangenen Jahren das Dach der kleinen Kirche von Vrbovac eingestürzt, so dass nun die Mauern offen der Witterung ausgesetzt sind. Nur notdürftig wurden die Mauerkronen mit den Ziegeln des Daches abgedeckt. Die Nutzung und damit auch die Pflege der Kirche ist nun eingeschränkt und nur selten wird der Bau nun noch von der wuchernden Vegetation freigeschnitten. Der erste Besuch 2014 ist daran gescheitert, dass wir uns durch das dichte Gestrüpp keinen Weg bahnen konnten.

Vrbovac
2014 im Gestrüpp unzugänglich
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Vrbovac, 2015
Vor der Südwestecke liegen antike Architekturteile
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Vrbovac, 2015
Blick ins Innere der Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Vrbovac, 2007 noch mit dem baufälligen Dach
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad)


Eine weitere Gefahr für die ländlichen Kirchen sind die zahlreichen Raubgrabungen. Sondengänger haben sich in den Kopf gesetzt, dass hier Schätze zu finden sind und wühlen das umliegende Gelände in vielen Fällen komplett um. In der kleinen Kirche in der befestigten Siedlung von Bregovina, haben Raubgräber den mit Backsteinen gefliesten antiken Kirchenboden komplett unterhöhlt, so dass der Boden am Stück abgesackt ist (s. Archaeologik).

Bregovina. Von Raubgräbern zerstörter Kirchenboden.
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


Die Region Jablanica in Südserbien gehört heute zu den ärmsten Gebieten Serbiens. Viele der Dörfer sind von Landflucht betroffen und in vielen einst großen Dörfern wohnen nur noch wenige Alte. Häuser und Bauernhöfe sind dem Zerfall preisgegeben, ehemalige Äcker sind mit jungen Birken bestanden. So bleiben oft nicht genügend Gläubige zurück, die die Kirchen instand halten können. Bisweilen spenden jedoch Auswanderer das Geld in ihre Heimatgemeinde.

aufgegebene Felder
(Foto: R. Schreg/RGZM 2016)

Weitere gefährdete Kirchen

Prinzipiell ist das neu erwachte Interesse an den Kirchen also zu begrüßen, denn viele der Kirchen sind von fortschreitendem Zerfall bedroht. Die Kirche von Gazdare ist aber nicht der einzige Fall, in der solche Investitionen das Gegenteil bewirken und nicht zum Erhalt, sondern im Gegenteil zur völligen Zerstörung der alten Bausubstanz führen.
Die Renovierung der ländlichen Kirchen erfolgt ohne ausreichende Erforschung und Dokumentation. Gazdare war mit den Grabungen von 1980 und 2002 eigentlich die Kirche, bei der die historische Bedeutung am besten dokumentiert war. Bei der großen Mehrzahl der Kirchen haben wir so gut wie gar keine Informationen zur Baugeschichte.

Lalinovac,
der geflieste Sockel bedeckt vermutlich ältere Fundamentreste
(Foto: privat, 2017)
In dem kleinen Ort Lalinovac hat man bereits 2016 ein entsprechendes Projekt durchgezogen. Auf den Ruinen einer älteren Kirche wurde mit Materialien aus dem Baumarkt ein Neubau errichtet. Die alten Fundamente hat man teilweise sogar erhalten und als Sockel mit rotbraunen Badfliesen aus dem Baumarkt im Stil einer öffentlichen Toilette verkleidet. Eine Dokumentation des Baus, der in den 1950er Jahre als mittelalterliche Kirche in der wissenschaftlichen Literatur aufgeführt wurde, hat leider nicht stattgefunden.


Stilac, Sv. Ilija mit neu gestalteter Fassade
(Foto: R. Schreg/RGZM 2017)
Die kleine Kirche von Sv. Ilija bei Stulac, genau gegenüber der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad, an der Stelle einer durch geophysikalische Prospektion entdeckten Basilika wurde 2017 Opfer einer Verschönerungsaktion. Die örtliche Gemeinde hat aus Eigeninitiative und ohne Fachberatung Restaurierungen begonnen. Erst vor wenigen Jahren war die Kirche neu verputzt und gekalkt worden. Um aber eine modern anmutende glatte Wandoberfläche zu erhalten, wurde die Westfassade mit Styroporplatten verkleidet, was im übrigen in kurzer Zeit zu verstärktem Algenbefall der Wände im Kircheninneren geführt hat. Dabei verschwand die Bauinschrift von 1890 und zunächst auch ein als Spolie vermauertes Kapitell hinter dem Styropor. Glücklicherweise hatten wir 2015 die Kirche und mittels Drohne auch das umliegende Gelände genau in einem 3D-Modell dokumentiert, als das umliegende, von einer Befestigung umfasste Gelände mit Hilfe der Wiener Kollegen des LBI ArchPro geophysikalisch prospektiert wurde. Dabei zeigte sich, dass die in der Literatur bisher vertretene (und im Widerspruch zur Bauinschrift stehende) Datierung in byzantinische Zeit nur bedingt richtig ist, da sich in dem Gelände die Reste einer großen Basilika nachweisen ließen. Nachdem die serbischen Kollegen das zuständige Denkmalinstitut informiert haben, wurden die Arbeiten gestoppt.


In verschiedenen Gesprächen, die unsere serbischen Kollegen mit Nachbarn und Lokalpolitikern führen konnten, wurde deutlich, dass mit weiteren Renovierungen und Neubauten zu rechnen ist. Es ist hier ein sozialer Wettbewerb zwischen den Nachbardörfern in Gang gekommen. Konkret wissen wir von mindestens zwei weiteren Plätzen, an denen es Neubaupläne zu Lasten historischer Monumente gibt.
Lece, eingetiefte Kirche, gefährdet durch Planungen für einen Kirchenneubau
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
Zum einen geht es um eine kleine, wiederum eingegrabene Kirche im Ortsbereich der Bergbaustadt Lece. Auch hier sind zahlreiche antike und mittelalterliche Spolien verbaut, im Mauerwerk finden sich zahlreiche Reste von Schmelztiegeln. Nicht weit entfernt befinden sich die Reste antiker und mittelalterlicher Bergwerke, die wir 2016 und 2017 dokumentieren konnten (siehe Archaeologik).

Tiegel von der Kirche in der Bergbaustadt Lece
(Verbleib: Fundstelle)
(Foto: R. Schreg/ RGZM, 2016)
Pusto Šilovo
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad, 2008
Zum anderen geht es - nicht weit entfernt - um die Reste einer Kirche bei Pusto Šilovo. Diese Stelle liegt heute abseits modernern Siedlungen im Wald, ist aber ein beliebtes Ausflugsziel. Irgendwann einmal wurden die Kirchenfundamente freigelegt. Von hier liegen römische Altarreste vor und auch die Kirchenfundamente wurden in byzantinische Zeit gestellt. Nähere Untersuchungen fehlen. 

An beiden Stellen soll nach der Vorstellung der Gemeinde mit Sponsorengeldern ein Neubau errichtet werden. Problematisch ist, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass fachliche Überlegungen in dem Entscheidungsprozess überhaupt berücksichtigt werden.

Siedlungsgeschichtliche Quellen ersten Ranges

Diese Kirchen sind die einzigen erkennbaren Reste älterer Siedlungsstrukturen. Ein Blick beispielsweise in die Ortsgeschichte des Dorfes Prekopčelica zeigt, wie sehr sich die Siedlungslandschaft in der Neuzeit verändert hat. Der Ort entwickelte sich in osmanischer Zeit zu einem stattlichen Dorf, das möglicherweise sogar größer war als die frühbyzantinische Stadt Caričin Grad. Erst mit der Industrialisierung verlagerte sich der Mittelpunkt der Region in das benachbarte Lebane. Mittelalterliche Quellen bezeugen die Ortschaft Caričina, die heute nur aus wenigen Häusern besteht.
Archäologische Surveys im Umfeld von Caričin Grad erbrachten einige Hinweise auf eine neuzeitliche Umstrukturierung der Landschaft und angesichts der zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen auf dem Balkan ist es kaum möglich, mit einem rückschreibenden Ansatz aus den heutigen Verhältnissen auf ältere Siedlungsmuster zu schließen.
Die Überreste der Kirchen sind daher wichtige Anhaltspunkte für die Rekonstruktion früherer Siedlungsverhältnisse. 

Über 100 Kirchen

Radinovac, römische Thermen.
Die Ruinen werden von der Bevölkerung wohl als Reste einer
Kirche interpretiert, was Kerzen und Geldopfer
auf den Mauerabsätzen nahe legen.
(Foto: R. Schreg/RGZM 2015)
Aus der serbischen Literatur sind für das westliche Leskovac-Becken etwa 100 Kirchenstandorte dokumentiert, die meisten davon sind nur noch Ruinen. Der lokalen Bevölkerung sind die Standorte zumeist bekannt, wie Opfergaben, Kerzen und Ikonen auf den Altären und in den Apsiden erkennen lassen. Genaue historische Kenntnisse sind aber meist nicht vorhanden. So kommt es auch vor, dass auch die noch aufrecht stehende Apsis einer römischen Thermenanlage als Kirche missverstanden wurde und sich heute als Gedenk- und Opferplatz präsentiert. Hier zeigt sich ebenso wie in der mündlichen Tradition zur Kirche in Gazdare das Fehlen eines historischen Bewusstseins.

Viele der Kirchenstandorte liegen heute weit abseits der Dörfer und lassen vermuten, dass sie früher nicht so abgelegen waren. Es lassen sich verschiedene topographische Situationen erkennen: Manche liegen inmitten des Wirtschaftslandes oder aber in Höhenlage, oft in Verbindung mit spätantiken Höhensiedlungen.

Sekizol: Kirche in einer spätantiken/ frühmittelalterlichen Befestigung
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2015)

An einigen Plätzen, wie etwa in Gazdare Sv. Pentelejmon und Gazdare Sv. Arhandjeli lässt sich jedoch ein Friedhof nachweisen.  Bisher können wir nicht zwischen unterschiedlichen Kirchen - Klöstern, Einsiedeleien oder Gemeindekirchen - unterscheiden, wie sich dies bei unseren Surveys im Bergland der Krim angedeutet hatte. Teilweise scheint von der Topographie her ein Zusammenhang mit dem Bergbau gegeben zu sein.

Gazdare, Sv. Arhandjeli
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
Die bereits genannte Kirche Gazdare Sv. Arhandjeli liegt an der Stelle eines kleinen Tales, wo sich dieses verengt und beiderseits von altem Bergbau begleitet wird. Unmittelbar neben der Kirche wurde bei unseren Surveys eine Schlackenfundstelle registriert, zudem zeigen sich einige anthropogene Geländeformationen ungeklärter Bedeutung.

Der Erhaltungszustand der meisten Kirchen ist schlecht, oft sind sie zugewuchert. Wandmalereien, für die die serbische Sakralarchitektur berühmt ist, sind allenfalls in allerkleinsten Fragmenten erhalten. Beispielhaft seien hier einige Bilder der Kirche von Mrveš gezeigt.

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

Mrveš, Kirche: Reste von Wandmalereien an der Nordwand
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


Islamische Gemeinden

Moschee in Leskovac
(Felix Kanitz 1889)
Gut fünf Jahrhunderte stand das  Arbeitsgebiet unter osmanischer Herrschaft, in der zahlreiche islamische Gemeinden und Moscheen entstanden. Möchte man die Kirchenreste als Indikatoren der Siedlungsgeschichte werten, müssen in Folge dessen zwingend auch die Moscheen in die Überlegungen einbezogen werden.

Sie sind nach dem Ende der osmanischen Herrschaft und der nachfolgenden Bevölkerungsverschiebungen im 19. Jahrhundert heute aus der Landschaft und weitgehend auch aus dem Bewusstsein verschwunden. Historische Quellen und Karten, bisweilen aber auch - kritisch zu bewertende - mündliche Traditionen helfen, hier einen Überblick zu gewinnen. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass manche der Kirchen zeitweise auch als Moschee genutzt wurden.

Die Region in Südserbien steht exemplarisch für eine Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungsgeschichte und der zahlreichen ländlichen Kirchen, die bisher kaum die Beachtung der archäologischen Forschung gefunden haben.

Handlungsbedarf

Diese Beobachtungen, die wir im Laufe unserer Surveys in der Region um Caričin Grad machen konnten, waren für uns ein Alarmsignal. Unser wissenschaftliches Interesse galt der Besiedlungsgeschichte der Region und Versuche, ländliche Siedlungen über Surveys zu erfassen blieben weitgehend erfolglos. Einziger Hinweis auf die mittelalterliche Besiedlung blieben die Kirchen, die in der wissenschaftlichen Literatur wiederholt angesprochen, aber kaum genauer bearbeitet und dokumentiert wurden. Da diesen Kirchenbauten ein besonderer kunsthistorischer Wert oft abgesprochen wird, sind sie völlig aus dem Blickfeld der Denkmalpflege wie auch der Forschung geraten. Nun werden diese Quellen vielerorts vor unseren Augen zerstört - aus Unwissen um ihren Wert und den richtigen Umgang.

So entstand die Idee, in einem neuen Projekt genau dies zu tun: Die Kirchen systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und landschaftsarchäologisch auszuwerten und so auf eine größere Aufmerksamkeit bei Kollegen und Bewohnern hinzuwirken. Testweise haben wir daher im Rahmen des RGZM-Projektes einzelne Kirchen fotografisch so dokumentiert, dass daraus mittels sfm ("Structure from motion") digitale 3D-Modelle abgeleitet werden können. Dies scheint für viele der Kirchen und Kirchenruinen ein praktikabler Weg einer raschen Dokumentation, die allerdings ergänzt werden muss, einerseits durch eine Aufnahme der umliegenden Topographie (mittels LiDAR und Dronenbefliegung sowie archäologische Surveys und Prospektionen) und durch eine möglichst genaue Beschreibung des Bestandes. In Gazdare kamen wir damit leider zu spät, da wir immer gehofft hatten, dass der Abriss abgewendet werden kann.

Inzwischen ist ein Projektantrag ausgearbeitet, der neben der archäologischen Prospektion und der Dokumentation der Geländedenkmäler auch Bauforscher und Experten der islamsichen Archäologie einbindet. Das Projekt wird, sofern eine Finanzierung bewilligt wird, als Kooperationsprojekt zwischen deutschen  (Universität Bamberg und RGZM/Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident) und serbischen Partnern durchgeführt. Gegebenenfalls werden sich auch tschechische Kollegen beteiligen. Das primäre Ziel ist eine landschaftsarchäologische Dokumentation und Auswertung der Kirchen, aber auch, vor Ort ein Bewusstsein für die historische Bedeutung der Kirchenreste zu schaffen und so dazu beizutragen, dass künftige Renovierungen denkmalverträglich durchgeführt werden. Die Arbeiten vor Ort wird daher ein serbischer Kollege übernehmen, denn der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung ist hier außerordentlich wichtig. Um die Bedeutung der Ruinen zu veranschaulichen, werden einzelne Kirchen als digitale 3D-Modelle visualisiert werden.


Literaturhinweise

  • S. Ercegović-Pavlović, D. Kostić, Arheološki spomenici i nalazišta leskovačkog kraja, (Beograd, Leskovac 1988)
  • S. Stamenkovič, Rimsk Nasleđe u Leskovačkoj Kotlini. Roman Legacy in the Leskovac Valley. Arheološki Institut Posebna Izdanja 53 (Beograd 2013). 


Links

Dank

Ich danke den serbischen Kollegen für zahlreiche Auskünfte, Übersetzungshilfen und Übersetzungshilfen. Die Einschätzungen der denkmalpflegerischen Situation sind darauf aufbauend freilich meine eigenen.

Samstag, 24. März 2018

Alles gut!? Der Canterbury Diebstahl

Bereits Ende Januar wurde das Magazin des Canterbury Archaeological Trust von Einbrechern heimgesucht und rund 1500 Fundstücke wurden gestohlen. Die Meldung ging weltweit durch die Medien.
(CC0 via pixabay)
Jetzt wurden die Funde größtenteils in Canterbury sicher gestellt. Ein 36-jähriger Mann wurde verhaftet, nachdem die Funde in einem verfallenen Haus gleich in einer benachbarten Straße zum beklauten Depot aufgefunden wurden.
Die Glasperlen befanden sich noch in ihren originalen Tüten, nur einige Repliken und Münzen scheinen zu fehlen.

Alles gut?

Interessant wird der Fall nicht zuletzt durch die Diskussion, die im Nachhinein ein Licht auf die Lagerungsbedingungen wirft. Der Gebäudekomplex mit dem archäologischen Depot war offenbar über Wochen hinweg das Ziel von Metalldieben. Diese hatten es wohl vor allem auf die Kupferleitungen des Gebäudes abgesehen, daher ist anzunehmen, dass auch die Artefakte - möglicherweise als Beifang - ebenfalls zu Geld gemacht werden sollten. Die Einbruchserie war der Stadt Canterbury als Eigentümerin des Depotgebäudes bekannt, noch bevor auch die Artefakte geklaut worden sind. Weder Museum noch Polizei waren von den Vorfällen informiert worden.
Funddepots sind häufig eher notdürftig in alten Gewerbeimmobilien untergebracht, oft nur mit befristeten Miet- oder Nutzungsverträgen. Lagerungs- und Sicherheitsbedingungen entsprechen zwangsläufig nicht immer wünschenswerten Standards.
So verweist der Canterbury-Fall auf ein Problemfeld, das wahrscheinlich auch anderswo existiert.

Dienstag, 20. März 2018

Restaurierungswettlauf um das UNESCO-Welterbe Hebron

Kulturerbe in Israel ist andauernd ein Politikum. Die Erklärung der Ibrahim-Moschee in Hebron auf Antrag der palästinensischen Autonomiebehörde im Sommer 2017 zum gefährdeten UNESCO-Welterbe ist ein aktueller Fall, der mit seinen Auswirkungen bis in die Weltpolitik reicht. 
Hebron
(Foto: D.B. Shepp 1894 [PD] via WikimediaCommons)
Ende Februar 2018 kündigte Palästinenserpräsident Rami Hamdallah an, 17 Mio $ in ein Restaurierungsprogramm in Hebron u.a. für die Ibrahim-Moschee/ Patriarchenhöhle zu investieren. In Israel werden Forderungen laut, die doppelte Summe bereit zu stellen, um die eigene Autorität zu demonstrieren.

Links

Freitag, 16. März 2018

Kulturerbe im Jemen: Neuigkeiten aus Taizz und Zabid

Beitrag von Stefan Kirchberger

Weitgehend unbemerkt geht im Schatten der Kämpfe in Syrien auch der Krieg im Jemen weiter. In erster Linie ist das sicher eine humanitäre Katastrophe, doch auch hier sind Kulturgüter betroffen, die zu den wichtigsten Monumenten des Mittelalters auf der arabischen Halbinsel gehören.

Von den Kämpfen besonders betroffen ist Taiz im Süden des Landes. Die Zerstörung der über der Altstadt gelegenen Zitadelle wurde bereits einmal erwähnt
Erinnert sei auch an die Zerstörungen im Museum von Taiz:
Nun werden auch Schäden an der Al-Ashrafiyya gemeldet, einer der herausragendsten Moscheen aus der Epoche der Rasuliden. Die ab dem späten 13. Jahrhundert erbaute Ashrafiyya wurde durch Artilleriebeschuss beschädigt:


    Taizz, Al Ashrafija-Moschee, 1994
    (Foto Stefan Kirchberger)

    Taizz, Al Ashrafija-Moschee, 1994
    (Foto Stefan Kirchberger)


    Tweet v. 25.2.2018: https://twitter.com/alguneid/status/967850637089128448




    Auch das weiter nordwestlich gelegene Zabid könnte nun zum Kampfgebiet werden. Die Stadt im Westen des Jemen war ebenfalls unter den Rasuliden eines der kulturellen Zentren des Jemen und wurde 1993 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Sie befindet sie sich seit dem Jahr 2000 auf der roten Liste. Das Internationale Komitee vom roten Kreuz warnt nun vor irreparablen Schäden am Kulturerbe:

    Interne Links






    Stefan Kirchberger (https://hdgbw.academia.edu/StefanKirchberger) studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Seit 2006 arbeitet er als wissenschaftlicher Dokumentar und Bildarchivar im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart.

    Sonntag, 11. März 2018

    Kulturgutzerstörung als Waffe

    Helga Turku

    The Destruction of Cultural Property as a Weapon of War
    ISIS in Syria and Iraq

    (Cham: Pallgrave Macmillan/Springer 2017)

    ISBN 9783319572819

    207 S, 10 Farbabb.
     123,04€, als ebook 89,99€



    Die Zerstörung von kulturellem Eigentum als Kriegswaffe ist leider ein hochaktuelles Thema, das in den vergangenen Jahren durch die inszenierten provokativen Aktionen des Daesh (IS/ ISIS) stark in den Medien und auch auf zahlreichen speziellen Tagungen präsent war. Aufgrund der Aktualität sind jedoch viele Fragen ungeklärt und Einschätzungen stützen sich überwiegend auf journalistische Recherchen.
    So ist die Erwartung an eine wissenschaftliche Publikation zum Thema, hier systematisch belastbare Fakten zusammenzutragen.

    gezielte Kriegszerstörungen

    Helga Turku reflektiert in Kapitel 1 zunächst die Rolle der Kulturgutzerstörung als Kriegswaffe. Sie skizziert dazu die Bedeutung von Kulturgut für die Stabilität von Gesellschaften und frägt nach seiner Relation zu Menschenrechten und zur Sicherheitslage.
    Das zweite Kapitel gibt einen historischen Abriss der Kulturgutzerstörung, wobei neben Daesh vor allem die Taliban in Afghanistan behandelt werden, aber auch die Roten Khmer und der jugoslawische Bürgerkrieg. Turku greift hier aus bis in die Antike, die sie weit ausführlicher behandelt als den Zweiten Weltkrieg. Sie geht hier auch auf die Beschlagnahmung entarteter Kunst vor 1938 ein und die Profite, die das NS-Regime daraus zu erreichen versuchte. Nur im indirekten Zitat verweist Turku auf das preußische Militärhandbuch "Kriegsbrauch im Landkriege" von 1902 wonach in einem modernen Krieg auch Kulturgutzerstörung Teil des Kampfes sei: "Ein mit Energie geführter Krieg kann sich nicht bloß gegen Kombattanten des feindlichen Staates und seine Befestigungsanlagen richten, sondern er muß in gleicher Weise die gesamten geistigen und materiellen Hilfsquellen desselben zu zerstören suchen." (Kriegsbrauch im Landkriege [Berlin 1902] 1-2). Die gezielte Zerstörung von Kulturgut ist also keineswegs ein barbarischer Akt, der Europa fremd ist. 

    Der kleinere der Buddhas von Bamiyan vor und nach der Sprengung
    (Fotos: UNESCO/A Lezine/ Carl Montgomery
    [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

    Die Frage der Blutantiken

    Bei der Darstellung von "Cultural Property in the Hands of Religious Extremists" (S. 37-52) thematisiert Turku  die Taliban in Afghanistan und die Zerstörung der Buddahs von Bahmian sowie das Schicksal des Nationalmuseums in Kabul. 2001 sprengten die Taliban nach vorheriger Ankündigung die monumentalen Buddha-Figuren von Bamiyan. Mit einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten begründeten die Taliban ihre Tat damit, dass diese Bildnisse Götter der Ungläubigen gewesen seien, die auch heute noch geachtet würden und so möglicherweise wieder zu Göttern erhoben werden könnten. Gerade die internationale Hochschätzung trägt hier erheblich zur Gefährdung bei. Danach attackierten die Taliban das Nationalmuseum in Kabul. Dort wurden 2500 Objekte zerstört, rund 70.000 Objekte sind während des Bürgerkriegs verloren gegangen. 11.000 wurden im Land sichergestellt, 875 mittels Interpol im Ausland. In diesen Handel waren verschiedene Warlords involviert, aber auch die Taliban haben daran verdient. Nach Aussagen eines abtrünnigen Talibanführers kassierten sie von afghanischen Händlern, die ihre Geschäfte in die Vereinigten Arabischen Emirate verlegt hatten, Abgaben für die sichere Passage der Objekte. Dass bereits damals der Handel mit Antiken der Finanzierung des Terrorismus diente, deutet sich darin an, dass in den Jahren 2000/2001 Mohammed Atta, einer der 9/11 Attentäter für den Verkauf afghanischer Antiken einen Kunstexperten der Universität Göttingen kontaktierte.

    Hier findet sich denn auch ein Abschnitt (S. 48-49), der die bisherigen Schätzungen zu den Einnahmen von ISIS aus dem Antikenhandel referiert.
    • Mai 2015, Irakischer Botschafter bei der UN: 100 Millionen $
    • September 2015, US-Department of State: "several million dollars ..  since mid-2014"
    • März 2016, Russischer Botschafter bei der UN: 150-200 Millionen $ pro Jahr  
    Nur das US-Department of State gibt für seine Schätzung jedoch eine konkrete Quelle, nämlich Unterlagen von IS-Aktivisten an.
    Die Diskussion um diese Schätzungen, die insbesondere aus - von Turku hier nicht zitierten -  Kreisen des Kunsthandels als übertrieben dargestellt werden, beinhaltet Bedenken gegen die Publikation solch hoher Zahlen, da dies weitere Raubgräber ermutigen könnte. Zu ergänzen wäre hier, dass in der Tat hohe Schätzungen der Erlöse aus Antikenhandel für den Terrorismus von einigen Kollegen mit der Hoffnung verbunden wurden, dass das Thema der Raubgrabungen endlich die nötige Aufmerksamkeit erhalte und auf die politische Agenda gesetzt würde. Das wird nun freilich von der Händlerlobby etwa als Argument gegen das neue deutsche Kulturgutschutzgesetz angeführt. Turku verweist indes darauf, dass für die Terrorakte in Amerika und Europa keineswegs große Finanzsummen nötig seien. Sie verweist auf die Terroranschläge in Brüssel am 22. März 2016, bei denen laut belgischer Medien einer der Selbstmordattentäter in den illegalen Kunsthandel involviert gewesen sein soll. Entsprechende Berichte gibt es auch für einen der Attentäter vom 13. November 2015 in Paris.
    Turku postuliert, dass die Einnahmen von IS aus Antikenraub wohl bedeutend geringer sind, als jene aus Öl, dass sie aber für die Terrororganisation wichtig seien, da sie anders als Öllieferungen kaum durch gezielte Militärschläge zu unterbinden seien. Antiken können unauffällig gehandelt werden und können sehr leicht bei Zivilisten versteckt werden. Mit dem Niedergang seiner Territorialmacht dürfte die Bedeutung des Antikenhandels für den Terrorismus daher auch eher an Bedeutung gewinnen. Aus den Unterlagen des IS-Finanzadministrators Abu Sayyaf, den das US-Militär 2015 in Syrien gestellt hat, ist bekannt, dass ISIS ein "Ministerium für wertvolle Dinge, die aus dem Boden kommen" unterhalten hat, zu dessen Aufgaben "Forschungen an bekannten Fundstellen, die Erschließung von neuen Fundstellen und das Marketing von Antiken" zählten. IS besteuerte private Raubgräber mit 20%igen Steuern auf den Verkauf der Antiken. Zwischen 6.12.2014 und 26.3.2015 wurden damit allein im Zuständigkeitsbereich von Abu Sayyaf 265.000 $ an Steuern auf Raubgrabungsgut eingenommen. IS scheint die Plünderer mit dem Vertrieb von Metalldetektoren und der Bereitstellung von Bulldozern unterstützt zu haben (S. 50). Mit Checkpoints wurden 'unautorisierte Plünderungen' unterbunden. Ein unautorisierter Antikenschmuggler, bei dem Daesh-Mitglieder palmyrenische Grabreliefs gefunden hatten, wurde im Sommer 2015 öffentlich ausgepeitscht, die Grabreliefs wurden öffentlichkeitswirksam zerstört. Zur Kontrolle des Antikenhandels soll IS auch Angehörige von Antikenhändlern als Geiseln genommen haben.
    Neben dieser Lizenzierung und Kontrolle des Antikenhandels haben IS-Angehörige auch selbst Raubgrabungen durchgeführt. Auch den Weiterverkauf scheint IS nach Angaben des russischen Botschafters bei der UN immer stärker kontrolliert zu haben, in dem via Social Media versucht wurde, direkt Käufer im Ausland zu finden.

    Das Problem der Identitätsstiftung

    Kapitel 3 - "Long-Term Security Repercussions of Attacking Cultural Property" -  setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich die neue Qualität der Kulturgutzerstörung, die Helga Turku als Fazit des Vorigen erkennen möchte, langfristig auf die Gemeinschaften auswirkt.
    Im Falle von ISIS dienten die durchdacht inszenierten Kulturgutzerstörungen drei Zielen (S. 69):
    1. dem sichtbaren Ausdruck der eigenen Ideologie mit den eigenen Anhängern wie auch der Weltöffentlichkeit als Zielpublikum
    2. der Darstellung der eigenen historischen Bedeutung
    3. dem Triumph über die Werte anderer.
    Eine zentrale Rolle spielt jedoch die religiöse Komponente,  die das Kaliphat als religiös homogen versteht und alle abweichenden Glaubensvorstellungen als ketzerisch brandmarkt. Dementsprechend sind auch nur 3% der von IS zerstörten Kulturgüter als antik zu klassifizieren, bei der großen Mehrzahl handelt es sich um Denkmale des Glaubens wie Moscheen oder Schreine, deren Baubestand nicht unbedingt alt sein muss (S. 72).
    ISIS richtet sich mit seinem Kaliphat gegen die modernen Staaten, die sich entsprechend einem letztlich im Westen entwickelten Konzept als Nationalstaaten zu konstituieren suchen und dazu ihrerseits of auf das kulturelle Erbe zurück greifen. Greift man diesen Gedanken auf, so ist ein Ziel der ISIS-Zerstörungen von Kulturgut gerade in der auch bei Archäologen beliebten Argumentation zu suchen, Kulturerbe sei identitätsstiftend, ohne dass dabei hinterfragt wird, um wessen Identität es denn geht. Unbewusst, automatisch gar beziehen wir diese Identität auf die staatliche Ebene und damit auf das Konzept des Nationalstaates. Dieses Konzept ist im Nahen Osten jedoch im Wesentlichen erst eine Folge der politischen Zersplitterung seit dem 19. Jahrhundert. Gerade in Syrien hat das Assad-Regime (wie Hussein im Irak) die Vergangenheit für die eigene Herrschaft in Anspruch genommen und damit einen schwierigen Spagat zwischen Pan-Arabismus und Nationalismus versucht.
    Dabei geht es nach Turku eher um Horror als um Terror. Es geht um die Zerstörung der Psyche der Menschen, für die Traditionen und historische Identitäten ein wichtiger Baustein sind. Die Bildsprache und Horrorvorstellungen funktionierten indes nur, weil die modernen Medien eine unendliche Reproduzierbarkeit und Verbreitung solcher Ereignisse und Bilder ermöglichen (S. 70).
    Hieran schließt sich eine wichtige Debatte über die Symbolhaftigkeit der Vergangenheit, ihre Dokumente und Monumente für moderne Staaten an. Diese Konstruktionen basieren auf linearen Geschichtsbildern, die moderne Nationen in der Vergangenheit projizieren und Kontinuitäten voraussetzen, dem historischen Normalfall des Wandels aber nur wenig Beachtung schenken. Gerade die Erhaltung archäologischer Fundstellen und Monumente als wissenschaftliche Quellen sieht Turku als hilfreich an, um eine Geschichtsschreibung zu fördern, die Ideologie und Politik so weit möglich vermeidet und den universellen Werten der Menschheit verpflichtet bleibt (S.  80). Dazu freilich müssen sich Archäologen im allgemeinen und archäologische Museen im besonderen ihrer Verantwortung bewusst sein und dürfen nicht ihrerseits  eine in ihrem Kontext ahistorische nationale Identität zu ihrem primären Narrativ machen.


    Palmyra vor dem Bürgerkrieg
    (Foto M. Scholz)

    Internationales Recht im Wandel

    Kapitel 5 breitet das internationale Recht beim Schutz von Kulturgütern in bewaffneten Konflikten aus (S. 99ff.). Angesprochen werden die Konvention von den Haag aus dem Jahr 1954, die UNESCO-Konvention von 1970 und 1972 und die UNIDROIT Konvention von 1995 sowie die konkrete Rechtssprechung zu Kriegsverbrechen betreffend Kulturgut aber auch Völkermord. Unter dem Begriff Völkermord war zunächst nur die physische bzw. biologische Ausrottung von Völkern gemeint, doch wird immer mehr auch der kulturelle Völkermord diskutiert. Zu Recht zögert man jedoch die Zerstörung von religiösen Bauten und die Schließung von Bibliotheken mit den Massenmord in Gaskammern in einer gemeinsamen Konvention zusammenzufassen. Auch vor dem Internationalen Gerichtshof war der Begriff bei den Verhandlungen im Kontext der Kriegsverbrechen im jugoslawischen Bürgerkrieg abgelehnt worden. Allerdings wertete er die gleichzeitige Zerstörung von Kulturgut als Beweis, dass tatsächlich der Tatbestand des Völkermords vorliege. 
    Die neue Runde des Terrorismus nach 9-11 und die zunehmende Bedrohung von Kulturgut hat zu verschiedenen politischen Reaktionen geführt, die in Kapitel 6 "International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Heritage in War Zones' (S. 135ff.). In mehreren UN-Resolutionen (2249 [pdf], 2253 [pdf], 2322 [pdf], 2347 [pdf]) wurden der Sicherheitsaspekt, die Notwendigkeit internationaler Kooperation auch auf Basis bilateraler Verträge betont. Eine der konkreten Folgen ist die Schaffung der "Blue Helmets for Culture" sowie das Konzept der "Safe Havens".
    In diesem Kontext wird auch er Kriegsverbrecherprozess gegen Ahamd al Faqi Al Mahdi dargestellt (S. 139ff.), der 2016 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Kulturgutzerstörungen in Timbuktu geführt wurde. Dabei wurde argumentiert, dass es dabei um die Auslöschung der Wurzeln eines ganzen Volkes gegangen sei, dessen soziale Praxis und sozialen Strukturen in nicht wieder gut zu machender Weise beschädigt wurden.
    Die Probleme der Verfolgung liegen in der parallelen Existenz eines illegalen und eines vermeintlich legalen Marktes, was zahlreiche Möglichkeiten des Antikenwaschens bietet. Neben Gesetzeslücken verschleiern häufig wissenschaftliche Bearbeitungen und Ausstellungen die illegale Herkunft, wie auch gefälschte Dokumente. Als weitere Maßnahmen bespricht Turku die roten Listen von ICOM (S. 145f.), die Überwachung von ebay-Angeboten (S. 146), das Konzept der Save Havens (S. 147ff.) und verschiedene US-Gesetze wie den US Anti-Terrorist Act (S. 149ff.), die sie insgesamt als geeignete Maßnahmen bewertet, den illegalen Antikenhandel und -Zerstörung in Irak, Syrien und anderswo einzudämmen (S. 154).


    Antikenhandel

    An verschiedenen Stellen des Buches wird die Rolle des illegalen Antikenhandels angeschnitten, aber erst in Kapitel 6 wird ihm ein eigenes, kurzes Kapitel ausdrücklich gewidmet (S. 173-174).
    Als eines der Probleme bei der Bekämpfung des illegalen Antikenmarkts haben die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen in der Handelskette zu gelten. Mag die Ausfuhr aus einem Staat illegal sein, so kann dennoch anderswo der Import legal sein - oder nur an leicht zu umgehende Fristenregelungen gebunden sein, wie derzeit in Deutschland. So gibt es selbst bei ebay für das Angebot von Antiken national sehr unterschiedliche Regularien. Hinzu kommen die Schwierigkeiten des Provenienznachweises, wo uneinheitliche Verfahren, gefälschte Provenienzpapiere und bewusste Verschleierung es schwierig machen, auch nur den Herkunftsstaat geschweige denn den Fundort oder den betreffende archäologischen Befundkontext zu rekonstruieren.

    Wie bei den Schätzungen der Einnahmen des IS aus dem Antikenhandel ist es natürlich auch bei Schätzungen des globalen Ausmaßes außerordentlich schwer, irgendwelche Zahlen zu benennen, zumal die Grenzen zwischen illegalem und formal legalisiertem Handel schwimmend sind. Turku führt hier einige der Schätzungen an (S. 173), die Kunst und Antiken gleichermaßen umfassen:
    • FBI: "billions of dollars annually"
    • Global Financial Inegrity, 2011: "3.4 - 6.3 billion $ annually" (das wären nach UNODC 0,8% des illegalen zwischenstaatlichen Vermögenstransfers)
    Letztlich zitiert Turku damit zwei bekannte Schätzungen zum Umfang des Antikenhandels. Da es hier um illegale Geschäfte geht, kann es natürlich keine belastbaren statistsichen Daten geben. Das Problem ist, dass zu den bisherigen Schätzungen kaum eine Berechnungsgrundlage bzw. die zugrunde gelegten Annahmen vorgelegt worden sind. Dass es tatsächlich um Millionen geht, ist indes leicht ersichtlich, wenn man einfach aus einem Auktionskatalog die Schätzwerte all der Objekte summiert, die keine seriöse Provenienzangabe aufweisen. Das Argument, das auch jetzt wieder im Nachklapp zum deutschen Kulturgutschutzgesetz vorgebracht wird, dass bislang keine Antiken aus Syrien und Irak aufgetaucht seien (z.B. T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), zieht nicht. Wir wissen inzwischen aus vielen Fällen, dass illegale Funde zum Zwecke der Reinwaschens oft jahrelang in Depots gelagert sind. Turku kann hier auf den Fall der Roten Khmer in Kambodscha verweisen (S. 143), die 1978 entmachtet wurden. Bis heute tauchen aber immer wieder neue Objekte auf dem Kunstmarkt auf, die nachweislich Anfang der 1970er Jahre geraubt worden sind.

    Wichtig ist Turkus Feststellung (S. 181f.), dass 2016 seit Jahrzehnten das Jahr mit den größten Importen von Antiken aus der Türkei und aus Ägypten in die USA war. Waren im Wert von 100 Millionen $ wurden offiziell registriert. "Ironischerweise bringt der illegale Antikenmarkt sehr unpassende Verbündete zusammen, nämlich Sammler, organisiertes Verbrechen und Jihadisten" (S. 144).

    Handlungsoptionen

    Kapitel 6 thematisiert aber eigentlich weniger den Antikenhandel als "Future Action to Protect Cultural Property During Conflict" (S. 169ff.). Hier geht es um Restaurierungs- und Wiederaufbauprogramme nach den Zerstörungen von Daesh, die Repatriierung sichergestellten Raubgutes und den Antikenhandel überhaupt.

    Turku weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass das noch immer existente Assad-Regime das größte Hindernis für eine Lösung in Syrien darstellt. Sie führt Schätzungen an, wonach der Schaden an Kulturgut, den die Regierungstruppen unbeabsichtigt oder gezielt engerichtet haben, weit höher sei, als die Schäden, die Daesh zuzschreiben sind. Turku verweist auf die Ruinen von Bosra, die Altstadt von Damaskus, das Sankt Simeon-Kloster, Krak-des-Chevaliers, Aleppo, allesamt Zerstörungen in Regionen, in denen Daesh keine unmittelbare Herrschaft ausgeübt hat. Auch in Palmyra haben die Zerstörungen nicht erst mit Daesh begonnen (Abb. unten).



    Zerstörungen in Palmyra durch Daesh (rot) und frühere Zerstörungen durch militärische Aktivitäten der syrischen Armee
    Destruction in Palmyra by Daesh (red) and earlier destruction by military activities probably of the Syrian army (yellow), damage during military campaign against Daesh (light yellow)


    Insgesamt wirkt das Kapitel etwas heterogen, da hier noch einige zentrale Aspekte angesprochen werden, die keineswegs unmittelbar Handlungsoptionen für die Zukunft betreffen. So finden sich hier auch nochmals einige Gedanken zum Antikenhandel, der schon in den vorausgehenden Kapiteln immer wieder einmal angesprochen worden war.

    Die aufgezeigten Handlungsoptionen bleiben allgemein und kurieren an den Symptomen bzw. versuchen eine Schadensbegrenzung. Sie sind allenfalls kurzfristige Optionen, gehen aber nicht die Frage an, wie das internationale Kulturerbe insgesamt bessern zu schützen wäre.
    Die Autorin weist hier beispielsweise darauf hin (S. 174ff.), dass sich vielerorts, in Aleppo, in Kairo, in Timbuktu und Kairo Anwohner, Studenten und Museumskuratoren für ihre Kulturgüter engagiert, dies teilweise auch mit ihrem Leben bezahlt haben. Turku greift aber nicht den naheliegenden Gedanken auf - was in den vergangenen Jahren auch vielfach schon Programm war - die Lokalbevölkerung zu sensibilisieren und zu unterstützen.
    Auch die Ausführungen zum "Repatriation Dilemma" (S. 176ff), der Frage ob Kulturgüter als gemeinsames Erbe international ausgestellt werden sollen oder ob die Bewohner vor Ort ein besonderes Anrecht auf das Kulturerbe hätten, münden nicht in zukunftsweisende Handlungsoptionen. Turku greift hier die Begriffe des kulturellen Nationalismus und des "national heritage" auf. Tatsächlich aber sind doch moderne Nationen nie mit den Gemeinschaften der Vergangenheit und moderne Bewohner mit den früheren Einwohnern gleichzusetzen. Historischer Wandel, wenn nicht gar größere Migrationen machen nationale Aneignungen von Kulturgut in aller Regel sehr fragwürdig. Meines Erachtens wäre hier eigentlich ganz anders zu argumentieren. Entscheidend sind nicht die modernen Nationen und ihre Bürger, sondern die jeweiligen Kulturlandschaften und ihre aktuell dort lebenden Menschen. Auch daraus kann sich eine lokale Identität entwickeln, eine Heimat, unabhängig von angeblichen nationalen Traditionen. Es ist die lokale Bevölkerung, die Anspruch auf  Kulturgüter geltend machen kann, die modernen Staaten, deren Bürger sie sind, sollten lediglich ihre Vertreter nach außen sein. Auch daraus können Konfliktsituationen entstehen, denn nicht immer können sich lokale Gruppen heute mit den Kulturgütern in einer Landschaft identifizieren, so dass es, wenn nicht zu Zerstörungen, so doch zu Vernachlässigung kommen kann. Turku kommt hier wieder auf die Safe havens und Wanderausstellungen zu sprechen, um Kulturgüter vorübergehend außer Landes in Sicherheit zu bringen.
    Die Darstellungen zur Diskussion um Rekonstruktionen (S. 179ff.) stellt Turku am Beispiel Palmyra dar, wobei auch hier die Zukunftsperspektive fehlt, ebenso wie der Hinweis darauf, dass 3D-Rekonstruktionen nie die originale historische Quelle mit dem archäologischen (Bau-)Befund ersetzen können, sondern bestenfalls deren einstige Oberfläche und heutigen Symbolwert veranschaulichen können.

    Einige Maßnahmen führt Turku allerdings an, die sie für wichtig hält: Safe havens, monuments men, Handelsverbote für Kulturgüter aus Kriegsgebieten, Bewusstseinsbildung nicht nur bei Händlern, sondern auch in der breiten Gesellschaft um Antikenhandel sozial zu ächten. So verweist sie auch auf die Möglichkeit eines Amnestierung von Plünderern bei Rückgabe geplünderter Antiken, wie dies im Falle der Plünderung des Bagdad Museum 2003 durchgeführt wurde. Beispielsweise wurde die Vase von Warka, von der es eine Kopie im Vorderasiatischen Museum in Berlin gibt, nach der Plünderung des Museums im April 2003 nach wenigen Monaten wieder zurückgegeben (s. Oriental Institute - lost treasures of Iraq).

    Turkus Forderungen nach koordinierter Strafverfolgung und Kriegsverbrecherprozessen, die sie in den Conclusions (S. 184ff.) noch einmal bestärkt, sind sicher wichtige Schritte, um mit den Folgen des - wohl noch lange nicht beendeten - syrischen Bürgerkriegs und anderer bewaffneter Konflikte und den damit einhergehenden Zerstörungen und Plünderungen fertig zu werden. Allerdings handelt es sich hier nur um Bewältigungs-, nicht aber perspektivische Lösungsstrategien. Meines Erachtens fehlt eine kritische Auseinandersetzung damit, inwiefern UNESCO-World Heritage nicht vielerorts eher ein Risiko für die historischen Quellen, deren oberflächliche Authentizität und deren tiefergehenden hsitorischen Quellenwert darstellt. In Konfliktsituationen lässt es Kulturerbe zum politischen Spielball werden und wertet Raubgrabungsgüter für Sammler eher auf; in Friedenszeiten sind Schäden durch Überrestaurierung und touristisches Marketing kritische Risiken. Auch im Hinblick auf den Antikenhandel bewegt sich Turku im Rahmen der üblichen Maßnahmen.
    Wenn auch bei Turku an Stelle eines Schutzes vor Ort das Konzept der Safe Havens tritt, so setzt sie doch mehr oder weniger jene Maßnahmen fort, denen 2015 auf der Tagung der EAA in Glasgow ein Scheitern bescheinigt worden war (s. "Es ist wichtiger, die Händler aus dem Markt zu nehmen" - EAA-Session zum Scheitern des internationalen Kulturgutschutzes. Archaeologik 19.9.2015). Die damals von Neil Brodie formulierten Handlungsempfehlungen scheinen mir hier deutlich zielgerichteter:
    • den Markt am Ende der Kette bekämpfen!
    • proaktiv und nachhaltig sein
    • global - nicht auf einzelne Staaten - orientiert sein und
    • die kriminellen Händler verfolgen. 
    Brodies Überlegungen stehen keineswegs im Widerspruch zu den eher unbestimten Formulierungen Turkus, die aber das Problem der Plünderungen und des illegalen Antikenhandels aus ihrer auf Kriegssituationen gerichteten Perpsektive eher als Kollateralerscheinung behandelt.


    Fazit

    Turku gibt in dem Buch einen hervorragenden Überblick über die Entwicklungen der letzten Jahre. Die eingangs formulierte Erwartung, belastbare Fakten liefern zu können, kann sie allerdings nicht erfüllen; immerhin gibt sie in umfangreichen Fußnoten zu den einzelnen Kapiteln Referenzen zu den immer wieder unspezifisch genannten Zahlen und macht deren (mangelnde) Qualität damit auch deutlich. Die Autorin interessiert sich als in den USA promovierte Juristin eher für die juristischen Aspekte als tatsächlich für die Schäden an den Fundstellen und Monumenten. Eine Bilanz der Kriegsjahre und eine genauere Abschätzung der finanziellen Aspekte der Terrorfinanzierung wie auch des Gesamtumfangs des illegalen Antikenhandels wird noch einige Jahre auf sich warten lassen und ist darauf angewiesen, dass Ermittlungsbehörden an irgend einer genauere Stelle Einblicke in die kriminellen Geschäfte gewinnen und publizieren.

    Inhaltsverzeichnis

    1. Cultural Property as a Weapon of War
      Introduction
      The Importance of Cultural Property
        Cultural Property and Human Rights
        Cultural Property and Security
          Short-Term Security
          Long-Term Security  Study Objectives

    2. Cultural Property Destruction in History and in the Present
      Introduction
      War and Terrorism
      Cultural Property During War
        Isis in Iraq and Syria
          Destruction of Mosques
          Destruction of Churches
          Destruction of Ancient Sites
          Estimates of ISIS-Profits from Traficking of Antiquities
          Details on the Organized ans Systematic Nature of ISIS' Profit from Antiquities
      Conclusion

    3. Long-Term Security Repercussion of Attacking Cultural Property
      Introduction
      Erosion of Identities and States
      Cultural Property and Propaganda Warfare
      Attacks on Cultural Property as an Intent to Annihilate Religious Diversity
      Attacks on Cultural Property with the Intent to Destroy National Identity
      The Role of Museums in Building Bridges
      Conclusion

    4. International Law on Protection of Cultural Property During Armed Conflict
    Introduction
      International Agreements on Cultural Property
        Hague 1954 Convention
        UNESCO 1970 Convention
        UNESCO 1972 Convention
        UNIDROIT 1995 Convention
      Case Law on Protection of Cultural Property in Armed Conflict
        War Crimes
        Genocide and Crimes against Humanity
      Conclusion

    5. International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Property in War Zones
      Introduction
      New Resolutions...
      The Al Mahdi Case at the ICC
      Other Measures to Protect Cultural Property in War Zones
        Red Lists
        Safe Havens
      Framing the Issue as a Terrorist Offense in the Domestic Realm: the Case of the United States
      Conclusion

    6. Future Action to Protect Cultural Property During Conflict
      Introduction
      Other Outstanding Issues 
      Options for Future Action
      Conclusion

    Index


    Änderungsvermerk (12.3.2018): 
    Inhaltsverzeichnis ergänzt, kleinere Korrekturen

    Montag, 5. März 2018

    Sicher unbequem - sicher nötig: Der neue Blog von Raimund Karl

    Raimund Karl, Professor für Archäologie und Denkmalpflege an der Prifysgol Bangor University in Nordwales ist ein unbequemer Denker, provoziert gerne und erfolgreich und hat so schon manchen im Fach gegen sich aufgebracht. Zu seinen Interessensgebieten zählt die Auseinandersetzung mit der Praxis der archäologischen Denkmalpflege, an der er manches zu kritisieren hat. Viele Themen sind in der Tat viel zu wenig reflektiert und werden allenfalls im internen Kreis der Denkmalpfleger diskutiert. Diese Diskussionen in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, ist ein Anliegen von Raimund Karl, denn schließlich wird mit öffentlichem Interesse argumentiert und mit öffentlichen Geldern operiert. 
    Karl geht mit seinen Thesen schon lange online, indem er vorrangig open access publiziert und sich auch in die Diskussionen in den Social Media einbringt. Viele seiner Thesen werden gerne von Sondengängern aufgegriffen, nicht nur, weil er oft der Denkmalpflege widerspricht, sondern auch, weil er für die Laien sichtbar ist. Nun hat er einen eigenen Blog gestartet, der es erlaubt, seine Kritik an der Denkmalpflege in größerem Kontext wahrzunehmen und der hoffentlich auch dazu anregt, die nötigen Diskussionen zu führen.

    Ich meine, wir brauchen solche Initiativen. Ich habe mit vielen seiner Aktionen und Formulierungen so meine Schwierigkeiten, stimme aber mit ihm dahingehend überein, dass sehr viel schärfer darüber nachgedacht werden muss, wie wir im Fach agieren. Auch eher theoretische Debatten müssen transparent öffentlich geführt werden oder zumindest aufscheinen - nur so gewinnt man Glaubwürdigkeit, die in Zeiten der Social Media wichtiger ist denn je. Mag Raimund Karl damit auch immer wieder der Raubgräberszene Argumente liefern, so zeigt er damit doch, dass Regelungen auch begründet sein müssen und nicht als Gesetz von oben gegeben sind. So zeigt er eben auch die Schwächen in Gesetz und Argumentation (z.B. Das archäologische Debakel von Rülzheim. ArchDenk [18.2.2018]), mit denen man sich fachlich und sachlich auseinandersetzen muss, um dem Auftrag der Erhaltung und effektiven Auswertung historischer Quellen gerecht zu werden.