Dienstag, 6. Dezember 2016

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Adventskalender 2016

Entwicklungen der Archäologie des Mittelalters

Fast 30 Jahre nach der Publikation der wegweisenden Einführung in die Archäologie des Mittelalters von Günter P. Fehring (1987) haben wir nun ein neues Buch geschrieben, das die Archäologie des Mittelalters als wissenschaftliche Disziplin umreißt. Dass sich in 30 Jahren nicht nur ein enormer Quellenzuwachs ergeben hat, sondern dass sich auch die Sichtweisen verändert haben, dürfte nicht verwundern. Während meines Studiums war das Buch von Fehring noch neu und gab in der Tat eine gute Übersicht über das Fach. 
Aber bei einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Theorie der Archäologie des Mittelalters wurden bald die  Grenzen der Konzeption der Archäologie des Mittelalters deutlich, wie sie in der Einführung Fehring erkennbar wurden. Vor 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Neuauflage von Fehrings Einführung zu rezensieren, die mit nur wenigen Aktualisierungen auskam - vornehmlich ergänzenden Nennungen neuer Grabungen und Nachträgen im Literaturverzeichnis. Meine Kritik zielte auf die methodisch-theoretische Konzeption, wie sie sich unter anderem in der Definition des Faches niederschlug (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016). Konkret richtete sich meine Kritik auf die folgenden Punkte:



  • der enge Bezug auf die Geschichtswissenschaften, ohne dass das Geschichtsverständnis präzisiert wurde (das aber aus dem Kontext zu erschließen eher traditionell zu verstehen ist)


  • die daraus resultierende explizite Ablehnung archäologischer Theorie  insbesondere der 'new archaeology'


  • die explizite Festlegung auf archäologische Methoden, konkreter die der Ur- und Frühgeschichte


  • daraus resultierend das Ausklammern der Bauforschung (die in der klassischen Archäologie durchaus  in das archäologische Methodenspektrum integriert sind) und


  • der geringe Stellenwert der Sachkulturforschung


  • fehlende Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen.





  • neue Entwicklungen

    Tatsächlich dürften dies die Bereiche sein, in denen die Diskussion in der Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) in den vergangenen 30 Jahren die stärksten  Fortschritte gemacht hat - vor allem dadurch, dass die Themen überhaupt als solche erkannt wurden.
    1. Die Rolle der Geschichtswissenschaften wird zunehmend durch einen Bezug auf die historischen Kulturwissenschaften relativiert, oder wenigstens ergänzt. Hier ist beispielsweise auf Beiträge von I. Ericsson, C. Theune, U. Müller und auch von mir selbst zu verweisen.
    2. Die insgesamt in der deutschen Archäologie zunehmende Theoriediskussion betrifft auch die Archäologie des Mittelalters, sowohl was Theorie im Sinne einer Entwicklung von Fragestellungen und Hypothesen betrifft, als auch in Bezug auf Theorie im Sinne einer kritischen Selbstreflektion der Fachstrukturen und der handelnden Personen. Die entscheidenden Beiträge stammten hier zunächst aus dem angelsächsischen Raum, werden aber zunehmend auch in der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Community rezipiert.
    3. Ich sehe auch eine durchaus interdisziplinäre Öffnung, die mehr an Fragestellungen und Kompetenzen orientiert ist, als an disziplinären Claims. Das ist freilich noch eher zögerlich, aber zunehmend greifen Überblicksarbeiten weiter aus und greifen auf Ergebnisse und Theorien von Nachbardisziplinen zurück. Dieser Trend lässt sich an den Definitionen des Faches ablesen (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016).
    4. Eine pragmatische Auseinandersetzung mit den Zuständigkeiten von Archäologie und Bauforschung hat dazu geführt, dass zunehmend integrative Projekte durchgeführt wurden, die beispielsweise einzelne städtische Fachwerkhäuser bauhistorisch und archäologisch untersucht haben.
    5. Die Sachkulturforschung wurde zwischenzeitlich sowohl von Archäologen als auch von Historikern als Aufgaben- und Forschungsfeld umrissen. Zu nennen ist hier die grundlegende Arbeit von Sabine Felgenhauer, die noch stark den Bezug zur klassischen Kulturgeschichte suchte. Inzwischen ist ein zunehmender Einfluss der historischen Kulturwissenschaften zu vermerken, der sich darin äußert, dass Objekte im Kontext sozialer Praxis gesehen werden. Zu verweisen ist auf die Thematisierung des Habitus (vergl. Archaeologik 14.12.2012; publiziert: Schreg u.a. 2013), die explizit beispielsweise in der Arbeit von Ulrich Müllers zu Handwaschgefäßen vorgenommen wurde.
    6. Grundsätzliche Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen hat der Schwede Anders Andrén schon etwa zum Zeitpunkt der Erstpublikation von Fehrings Einführung vorgelegt. Die wurde inzwischen - etwas zögerlich - auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
    Darüber hinaus konnte seit den 1990er Jahren eine Internationalisierung des Faches festgestellt werden (vergl. Archaeologik demnächst), wie sie etwa im Medieval Europe Research Congress (MERC - jetzt Medieval Europe Research Commitee im Rahmen der EAA) oder der Ruralia Association zum Ausdruck kommt.

    Umsetzung

    Mit dem Schreiben einer neuen Einführung bot sich die Chance (und Notwendigkeit), die eigenen Kritikpunkte umzusetzen und neueren Entwicklungen  Rechnung zu tragen. In einigen Punkten setzt sie sich ganz bewusst von der älteren Arbeit Fehrings ab. Da wir in dem neuen Buch diesen Kontrast nicht herausgearbeitet haben, er aber interessant erscheint, wenn es darum geht, die Entwicklung des Faches in den letzten Jahren zu skizzieren, seien hier jene Punkte angeführt, die jedenfalls für mich beim Schreiben der Beiträge wichtig waren.

    Wir haben die Definition des Fachs anders formuliert.
    Die Archäologie der Neuzeit sollte einbezogen werden. Wir haben dies nur moderat getan, da die Entwicklung dieses Forschungsgebietes gerade sehr rasch voranschreitet. Nach einer Phase, in der die Neuzeitarchäologie in Deutschland überwiegend  an Kriegen und "Tatorten" interessiert war,  wendet sie sich nun breiteren Themen zu, kommt dadurch aber auch in die Situation, genauer ihr Erkenntnisinteresse darstellen und erklären zu müssen, worin die Sinnhaftigkeit einer archäologischen Auseinandersetzung mit der Neuzeit besteht. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit verstehen wir primär als eine historische Archäologie.

    Wir formulieren keine Abgrenzung gegenüber den Geschichtswissenschaften oder der Kunstgeschichte vor. Hier gibt es Überschneidungen, von denen ein interdisziplinärer Diskurs nur profitieren kann.
    Fehring hatte in seinem Buch keinerlei theoretische Reflektion über die weitergehenden Ziele der archäologischen Forschung. Hier ergeben sich aber zahlreiche Themen, die für das Verständnis und die Weiterentwicklung des Faches von grundlegender Bedeutung sind. So ist das Geschichtsverständnis oder der Kulturbegriff des Faches ebenso zu hinterfragen, wie seine Narrative in der Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Deshalb enthält der Band im Methodenkapitel einen relativ ausführlichen Teil zu Quelleninterpretation und Theorie. 

    Keramik trat in der Einführung Fehrings nur im Kontext der Chronologie auf. Tatsächlich sind Keramikscherben darüber hinaus eine wichtige Quelle zur Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, bisweilen auch zur Umweltgeschichte. Der Themenbereich der Sachkultur sollte stärker betont werden. Das haben wir erreicht, indem die wichtigsten Fundgruppen eigene kästchenförmige Exkurse erhalten haben.

    4. Obwohl sich das Buch auf den deutschen Sprachraum konzentriert, greift es punktuell immer wieder darüber hinaus, etwa, wenn die byzantinische Archäologie oder die islamische Archäologie kurz präsentiert werden.


    Literaturhinweise

    Andrén 1998
    A. Andrén, Between artifacts and texts. Historical archaeology in global perspective, Contributions to global Historical Archaeology (New York 1998)

    Ericsson 2000
    I. Ericsson, Archäologie des Mittelalters - eine Kulturwissenschaft?, Das Mittelalter 5, 2000, 141–148

    Fehring 1987
    G. P. Fehring, Einführung in die Archäologie des Mittelalters (Darmstadt 1987)

    Felgenhauer-Schmiedt 1995
    S. Felgenhauer-Schmiedt, Die Sachkultur des Mittelalters im Lichte der archäologischen Funde, Europ. Hochschulschr. R. 38 42 2(Frankfurt am Main 1995)

    Müller 2006
    U. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung. Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs (5./6. bis 15./16. Jahrhundert), Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 20 (Bonn 2006)

    Müller 2013
    U. Müller, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien, in: K. Ridder – S. Patzold (Hrsg.), Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität, Europa im Mittelalter 23 (Berlin 2013) 61–90

    Schreg 2001
    R. Schreg, [Rez.zu]: Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung, Arch. Inf. 24, 2001, 331–334

    Schreg 2007
    R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 18, 2007, 9–20

    Schreg 2010
    R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit: eine historische Kulturwissenschaft par excellence?, in: M. Dreyer – J. Kusber – J. Rogge – A. Hütig (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven, Mainzer Historische Kulturwissenschaften 1 (Bielefeld 2010) 335–366

    Schreg u. a. 2013
    R. Schreg – J. Zerres – H. Pantermehl – S. Wefers – L. Grunwald – D. Gronenborn, Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie, Arch. Inf. 36, 2013, 101-112 - DOI: 10.11588/ai.2013.0.15324
     
    Theune 2009
    C. Theune, Ganzheitliche Forschungen zum Mittelalter und zur Neuzeit, in: S. Brather – D. Geuenich – C. Huth – H. Beck (Hrsg.), Historia archaeologica. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag, RGA Ergbd. 70 (Berlin 2009) 755–764

    Theune 2012
    C. Theune, Zeitgeschichtliche Archäologie. Forschungen und Methoden, Fundber. Österreich 51, 2012, 121–126

    Theune 2014
    C. Theune, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts, Archäologie in Deutschland. Sonderheft (Darmstadt 2014)

    Montag, 5. Dezember 2016

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    Adventskalender 2016

    #NoDAPL - Erfolg des Protestes (und die Rolle archäologischer Funde)

    Die Auseinandersetzung um die Dakota Access Pipeline (DAPL) in North Dakota hat ein vorläufiges Ende gefunden: Mit einem Sieg der Protestierer. Der Bau wurde gestoppt und für die Pipeline soll eine alternative Trasse gefunden werden.
    Der Bau einer Pipeline entlang eines Indianerreservats hatte Proteste ausgelöst, die sich gegen das Risiko der Wasserverschmutzung sowie gegen die Zerstörung von 'sacred land'  richteten. An der Trasse ist eines der größten Protestcamps entstanden und es kam zur größten Vereinigung von Indianerstämmen (siehe Pipeline durch sacred land löst Indianeraufstand aus. Archaeologik [18.9.2016]. - http://archaeologik.blogspot.de/2016/09/pipeline-durch-sacred-land-lost.html). Ein Ultimatum zur Räumung des Lagers  stand unmittelbar bevor.



    Protest gegen DAPL, 15.11.2016 in San Francisco
    (Foto: Pax Ahimsa Gethen  [CC BY SA 4.0] via



    In der Auseinandersetzung spielten archäologische Funde anfangs eine wichtige Rolle. Im Lauf der Zeit sind sie hinter den Umweltrisiken zurück getreten - möglicherweise eine Folge davon, dass sich auch immer mehr 'Weiße' mit den Protesten solidarisiert haben. Gleichwohl blieb das Argument des sacred land in der Diskussion. Konkrete archäologische Funde und Befunde bekam man indes in den zahlreichen Medienberichten nicht zu sehen. Angeblich hatten die Bauarbeiten Ende August/Anfang September Dutzende von Gräberfeldern und anderen Fundstellen einplaniert. Besonders genannt wurde eine steinerne Stele, die ein Experte des Stammes als den bedeutendsten archäologischen Fund in Nord-Dakota seit vielen Jahren einstufte. Bilder von ihr habe ich in den Medienberichten nicht gefunden. Hinter den Kulissen kam es zu einem Streit um die archäologische Expertise, bei der staatliche Archäologen gegen die Fachexpertise der Stämme angeführt wurde. Für die Indianer sind arcäologische Funde für eine Einschätzung des Landes als sacred land eher zweitrangig,  Die Bedeutung archäologischer Funde (oder eben doch keine?) läge eben in einer auch für Außenstehende nachvollziehbaren Argumentation. Interpretation und Dokumentation der archäologischen Fundstelle wurden zu einer Frage der Deutungshoheit und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung.  Zu berücksichtigen ist allerdings auch, dass sich die Bedeutung vieler Befunde nur den Indianern erschließt, aber nicht einem 'normal' ausgebildeten Archäologen, der einige der Strukturen möglicherweise als zufällige natürliche Gesteinsformation einstuft, aber deren kulturellen Bedeutungsgehalt übersehen muss.
    Es geht hier nicht um archäologische Fundstellen als eine wissenschaftliche Quelle, sondern um das kulturelle Eigentum der Natives - deshalb wäre hier auch eine Notgrabung, wie sie bei uns bei entsprechenden Pipeline-Projekten, wenigstens in manchen Bundesländern Routine sind, keine Lösung.

    Für die nicht gerade üppige und spät einsetzende deutsche Berichterstattung:
    Dennoch gibt es auch in Deutschland Initiativen, die sich gegen die Finanzierung durch deutsche Band und Bayern LB wenden:

      Interner Link